Inhalt
Als der heilige Berg Arreat vor 20 Jahren explodierte, wurde die Heimat der Barbaren in der Folgezeit langsam in ein verzerrtes, desolates Ödland verwandelt. Die wenigen Überlebenden vom Volk der Barbaren waren entweder wahnsinnig, oder abtrünnig, oder auch beides geworden. Kehr Odwyll, vom Stamm des Hirsches, war der letzte Angehörige seines Klans. Wie viele andere Barbarenstämme hatte auch seine Sippe eine furchtbare Tragödie heimgesucht.

Nun durchwanderte der einsame Barbar schon seit langer Zeit die raue Welt namens Sanktuario. Verdingte sich dabei als Söldner oder Wächter in fernen Ländern. Blieb jedoch die meiste Zeit über allein. Verfolgt von seinen persönlichen Dämonen, hatte ihn seine ziellose Reise nun in das Grenzgebiet seiner ehemaligen Heimat zurückgeführt. Unterwegs auf dem Eisenpfad, eine uralte, kaum noch genutzte Gebirgsstraße, musste Kehr erkennen, dass seine Vergangenheit ihn auf grausame Weise einholte, je mehr er sich ihr zu stellen versuchte.
Seine tote Schwester Faen suchte ihn jede Nacht heim. Sie war eine schlurfende Untote, die ihm zu folgen schien. Faen griff ihren Bruder nicht an, sie zeigte nur auf ihn und stammelte das Wort „Verräter“. Kehr konnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob dies alles Einbildung war, oder tatsächlich passierte. Die seltsame Szenerie wiederholte sich beinahe jeden Tag aufs Neue, immer bei Sonnenuntergang.
Der Schmerz saß zu tief, der Barbar sah schließlich ein, dass es töricht war hierher zu kommen. Kehr beschloss auf dem Eisenpfad zurück nach Südwesten zu gehen, dort ein Schiff zu besteigen und zur Inselkette Skovos zu segeln. Dort erwartete ihn die warme Geborgenheit einer Frau, die ihm half den unerträglichen Kampf mit sich selbst zu betäuben.

Bevor er aufbrechen konnte, hörte Kehr plötzlich Schreie. Der über 2 Meter große Barbar beobachtete, wie ein Rudel Khazra, dämonische Ziegenmenschen, über eine Gruppe menschlicher Flüchtlinge herfiel. Kehr entschied, dass dies nicht sein Kampf war und er sich aus dieser Angelegenheit heraushalten würde. Dann wurde er allerdings Zeuge, wie ein Mann mit einem kleinen Kind im Arm von Khazra umzingelt wurde.
Wie ein Sturm der Vernichtung walzte Kehr mit seinem Zweihandschwert Zorn durch die überraschten Khazra, die schneller tot waren, ehe sie überhaupt begreifen konnten, was sie da grad angegriffen hatte. Die anderen Khazra formierten sich sofort neu, und richteten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf diesen neuen starken Feind. Der Mann mit dem Kind im Arm, Aron war sein Name, bemühte sich dem Gemetzel nicht in die Quere zu kommen.
Die Khazra hatten jedoch nicht damit gerechnet auf soviel Widerstand zu stoßen. Kehr erschlug die meisten, einige der Khazra flohen. Eher unfreiwillig übernahm Kehr anschließend die Funktion einer Leibwache für die Flüchtlinge. Aron, der sofort bemerkte, dass es sich bei dem übergroßen Krieger um einen Barbar handelte, war fasziniert und bemühte sich eine Verbindung zu dem schweigsamen Hünen aufzubauen.
Doch Kehr rang nach wie vor mit seiner eigenen Tragödie. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war eine verlorene Gruppe abgemagerter Flüchtlinge, die sowieso dem Tode geweiht waren. Wird Kehr die Antworten finden, die er suchen gekommen war? Kann er Erlösung von seinem eigenen Leid erfahren?
Rezension
Eine fünfteilige Reihe von Kurzgeschichten erschien im Jahre 2012, nur wenige Tage vor der Veröffentlichung von Diablo III. Jede Novelle rückte dabei eine der fünf Charakterklassen des Spiels in den Fokus. Für die erste Ausgabe Wächter des Pfades spielte die Klasse des Barbaren die Hauptrolle und das auf eine sehr packende Art und Weise.
Sanktuario, die Welt rund um die Diablo-Reihe, ist weiß Gott nichts für zartbesaitete Gemüter, so auch diese Kurzgeschichte. Der Autor Cameron Dayton, ein Mitarbeiter im Creative Development of Blizzard Entertainment, steuerte über die Jahre viele Geschichten, Comics und andere Inhalte dem Lore-Universum bei. Bei dieser Kurzgeschichte zeigt er außerordentliches Geschick.
Nicht nur, dass Dayton gekonnt die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der normalen Bürgerschaft einfängt, die eine immer wiederkehrende Thematik in Sanktuario darstellt, ihm gelang es auch sein Werk nahtlos an jene Storyline anzudocken, die nach 11 Jahren mit Diablo III endlich eine Fortsetzung erhielt.
Diablo II: Lord of Destruction, ermöglichte 2001 mit Akt 5 die Reise zum Arreat, der Heimat der Barbaren. Es lag lange im Dunkeln, was genau nach der Vernichtung des Weltensteins geschehen war, doch eine Synopsis gab wieder, dass der Berg Arreat durch die Druckwelle zerstört wurde. Dass dieses katastrophale Ereignis schreckliche Auswirkungen auf das Volk der Barbaren haben würde, war zu erwarten. Und das Schicksal von Kehr Odwyll gibt wieder, mit welchem Ausmaß die Verzweiflung in den kläglichen Resten seines Volkes grassierte.
Die Schilderungen von Cameron Dayton lassen den Leser tief in die Ereignisse versinken, die brutale und schockbehaftete Momente enthalten. Es ist allerdings sehr schade, dass weder die Ortschaft Dunsmott, noch der Eisenpfad, noch einige andere Details es später in das erweiterte Lore-Universum geschafft haben. Auch der Barbar blieb in den vielen Folgejahren nach Diablo III, die inzwischen immerhin ein Reaper of Souls, ein Diablo Immortal und ein Diablo 4 (samt Add-on) hervorbrachten, völlig unbeachtet.
Gerade der Eisenpfad, welcher Kern des Titels Wächter des „Pfades“ ist, hätte in irgendeiner Form in zumindest einem der genannten interaktiven Medien wieder auftauchen müssen. Somit wird die Kurzgeschichte auf ein optionales Level degradiert, das sie eigentlich überhaupt nicht verdient hat.
Fazit
Denn die Kurzgeschichte um den Barbaren Kehr Odwyll ist ein sehr gutes Stück Erzählkunst, dass in keiner Sammlung fehlen sollte. Gerade in Diablo III wird, wie der legendäre Deckard Cain es formuliert hatte, sehr viel von der komplizierten Geschichte der Barbaren wiedergegeben. Es wird offengelegt, was den Barbaren nach der Explosion des Arreat widerfahren war. Ausgerüstet mit diesem Wissen, wird die ohnehin schon exzellente Wirkung der Kurzgeschichte Wächter des Pfades noch einmal großartig verstärkt.
Wächter des Pfades

- Autor: Cameron Dayton
- Charakter: Barbar
- Plattform: Diablo III
- Erscheinungsjahr: 2012
