Die Poesie des Augenblicks

Inhalt

Erschöpft von den endlosen politischen Verpflichtungen für Silbermond und den neu gegründeten Rat der Horde reist Lordregent Lor’themar Theron auf dem traditionellen Seeweg nach Suramar. Er folgt einer langjährigen Einladung der Ersten Arkanistin Thalyssra. Geplagt von den traumatischen Erinnerungen an den historischen Verrat des Prinzen Kael’thas und den immensen Verlusten der jüngsten Kriege, fällt es dem pflichtbewussten Anführer schwer, die Last der Verantwortung abzuschütteln und den privaten Besuch zu genießen. Thalyssra empfängt ihren Gast persönlich und bittet ihn eindringlich, seine Sorgen wie Steine im Wasser zu versenken, um einen seltenen „Augenblick außerhalb der Zeit“ zu erleben.

Was als privates Treffen gedacht war, entpuppt sich vor Ort als kleiner Poesiewettstreit auf dem Mitternachtshof, bei dem eine skeptische Jury aus lokalen Nachtgeborenen-Dichtern wartet. Während Lor’themar ein starres, historisch-politisches Sonett über die Gefahren des Verrats rezitiert, improvisiert Thalyssra ein hochemotionales, tiefgründiges Gedicht über das Auskosten des Lebens in all seinem Schmerz und Glück. Bei einem anschließenden Abendessen unter vier Augen brechen Lor’themars emotionale Mauern endgültig auf. Thalyssra konfrontiert ihn liebevoll mit seiner Neigung, alte, vertraute Wunden immer wieder aufzureißen, statt Heilung zuzulassen. Bevor ein eiliger Bote aus Orgrimmar die traute Zweisamkeit jäh unterbricht, finden die beiden Herrscher in einem intensiven ersten Kuss zueinander und besiegeln eine der tiefgründigsten Romanzen der moderneren WoW-Geschichte.

Rezension

Madeleine Roux gelingt mit dieser Kurzgeschichte ein erzählerisches Meisterstück der leisen Töne, das einen wunderbaren Kontrast zu den sonst oft bombastischen, kriegerischen Handlungen von World of Warcraft bildet. Die größte Stärke des Textes liegt in der meisterhaften Ausarbeitung der inneren Konflikte von Lor’themar Theron. Roux fängt die lähmende Schwere des Herrschers, der sich zwischen den Pflichten für sein Volk und seinen eigenen, verkümmerten Bedürfnissen zerrissen fühlt, psychologisch extrem präzise ein. Die literarische Metapher seiner „vergifteten Wunden“ – den Traumata durch den Fall von Quel’Thalas und den Verrat von Kael’thas – verleiht dem ansonsten oft unnahbaren Lordregenten eine immense, greifbare Verletzlichkeit.

Ein Augenblick außerhalb der Zeit: Erste Arkanistin Thalyssra und Lordregent Lor’themar Theron finden im fahlen Mondlicht von Suramar zueinander.

Besonders faszinierend ist die Dualität der beiden Elfen-Kulturen, die sich im textweiten Motiv der Poesie widerspiegelt. Lor’themars streng durchgetaktetes, fast schon klinisch vorgetragenes Sonett „Die Natter“ steht sinnbildlich für die paranoide Isolation und das ewige Misstrauen der Sin’dorei. Thalyssra hingegen, die ein Leben im wortwörtlichen Verdorren und der anschließenden Wiederauferstehung hinter sich hat, nutzt die freie, ungezwungene Improvisation. Ihr Gedicht ist eine kraftvolle Hymne auf das pure, ungefilterte Leben, die Lor’themar (und den Leser) emotional völlig nackt auszieht und seine defensiven Schutzmauern elegant zum Einsturz bringt.

Auch die Kulisse Suramars wird von Roux bildgewaltig inszeniert. Der sanfte Übergang von der klirrenden Kälte des Hafens in das warme, violette Licht der Kohlebecken auf dem Mitternachtshof untermalt atmosphärisch perfekt die emotionale Transformation der Charaktere. Das feine Zusammenspiel aus dem allgegenwärtigen Fliederduft Thalyssras und dem perlmutternen Schimmer der Stadt zieht den Leser tief in eine bezaubernde, fast magische Intimität. Wenn am Ende der unvermeidliche Bote die Realität des Warcraft-Universums zurückbringt, wirkt dieser Bruch nicht störend, sondern unterstreicht nur die bittersüße Kostbarkeit dieses einen, flüchtigen Moments.

Fazit

„Die Poesie des Augenblicks“ ist weit mehr als eine plumpe Liebesgeschichte – es ist eine charakterliche Offenbarung für zwei der wichtigsten Anführer der Horde. Madeleine Roux beweist ein grandioses Gespür für emotionale Zwischentöne und schenkt der Community ein wunderschön geschriebenes Kammerspiel, das beweist, dass die packendsten Kämpfe in Azeroth manchmal nicht mit dem Schwert, sondern mit Worten und Gefühlen ausgefochten werden. Für Lore-Enthusiasten und Fans charaktergetriebener Geschichten ein absoluter Pflichttitel!


Die Poesie des Augenblicks

  • Autor: Madeleine Roux
  • Übersetzung: Altagram GmbH
  • Erscheinungsjahr: 2020