
Inhalt
In der alternativen Version von Draenor, welche das Ergebnis einer gezielten Manipulation der Zeitlinie durch die Bronzenen Drachen war, lebte das vogelartige Volk der Arrakoa auf dem Zenit ihrer Macht. Bekanntlich tristen die Arrakoa in der ursprünglichen Zeitlinie der Scherbenwelt ein eher tristes Dasein, verkrüppelt, isoliert, verloren, verstoßen und unterdrückt.
Doch in der besagten Parallelwelt von Draenor, die bekanntlich mit der ursprünglichen Zeitlinie von Azeroth verschmolz, war das südlich gelegene Land namens „Die Spitzen von Arak“ ein Zeugnis für die innovative und hochentwickelte Intelligenz dieser geflügelten Vogelmenschen. Der Gelehrte Reshad, stets begleitet von dem quirligen Kaliri Percy (Kaliri sind eine Art Papagei), war in den qualmenden Schlachtfeld rund um die Himmelsnadel unterwegs.

Die Himmelsnadel, welche eine beeindruckende Festung hoch oben auf einem Felsplateau war, verfügte über einen großen Kristall an ihrer Spitze. Dieser hatte vor kurzer Zeit einen Strahl abgefeuert, der alles in seiner Bahn zu Asche verbrannte. Der Orden der Jünger von Rukhmar hatte es gewagt die Waffe gegen ihr eigenes Volk einzusetzen. Geblendet durch puren Fanatismus, planten sie kaltblütig die Ausgestoßenen zu töten, welche ebenfalls Arrakoa waren.
Bei den Ausgestoßenen handelte es sich um eine niedere Kaste, denen die Flügel gestutzt worden sind, damit sie für den Rest ihres kläglichen Lebens am Boden und im Schmutz dahinvegetieren mussten. Sie waren von Wahnsinn und Krankheit befallen, die bloße Existenz war den Hoch-Arrakoa in der Himmelsnadel immer ein Dorn im Auge. Besonders die Oberste Weise Viryx trieb die systematische Auslöschung der Ausgestoßenen voran.
Diese faschistische Verhaltensweise von Viryx war jedoch nicht immer so. Reshad, der Schriftrollen sammelt und bewahrt, beginnt von einer Zeit zu berichten, in welcher sie einem Geheimnis auf die Spur kam, das sie zu diesem völkermordenden Monster werden ließ.
Rezension
„Apokryphen“ ist weit mehr als nur eine bloße Vorgeschichte zum Spiel; es ist ein atmosphärisch dichtes World-Building-Stück, das den Arakkoa eine emotionale Tiefe verleiht, die sie in der ursprünglichen Scherbenwelt-Version nie hatten. Die Geschichte schafft es hervorragend, die kulturelle Zerrissenheit zwischen dem gleißenden, fast schon faschistischen Licht der Himmelsnadel und der verzweifelten, aber weisen Schattenwelt der Ausgestoßenen einzufangen. Matt Burns nutzt eine bildhafte Sprache, die das Gefühl von „Höhe“ und „Absturz“ sowohl physisch als auch metaphorisch greifbar macht.
Besonders hervorzuheben ist die Charakterzeichnung von Iskar. Seine Transformation vom loyalen Diener zum verbitterten Ausgestoßenen wird nicht als plötzlicher Sinneswandel, sondern als tragischer Prozess der Desillusionierung dargestellt. Man fühlt als Leser seinen Schmerz über den Verlust der Flügel förmlich mit. Diese emotionale Verankerung sorgt dafür, dass man Iskar im späteren Spielverlauf nicht nur als bloßen Boss-Gegner wahrnimmt, sondern als eine gebrochene Figur, deren Motivation – der Wunsch nach Rückkehr in den Himmel – zutiefst menschlich (oder vogelhaft) nachvollziehbar ist.
Die Figur des Reshad bildet dazu das perfekte Gegengewicht. Er fungiert als die moralische Kompassnadel und bringt eine philosophische Note in die Erzählung. Die Diskussionen über die Natur von Licht und Schatten heben die Geschichte über das typische „Gut gegen Böse“-Schema von Warcraft hinaus. Es wird deutlich, dass das Licht der Sonne ebenso grausam und zerstörerisch sein kann wie die Dunkelheit heilend und schützend – ein Thema, das in der späteren WoW-Lore (insbesondere bei den Lichtgeschmiedeten Draenei) immer wieder aufgegriffen wurde.
Ein kleiner Kritikpunkt könnte das Tempo der Erzählung gegen Ende sein, da die Gründung des Widerstands recht zügig abgehandelt wird. Dennoch gelingt es der Geschichte, das Mysterium der Apexis-Zivilisation geschickt im Hintergrund zu lassen, was die Neugier des Lesers weckt, die Spielwelt selbst zu erkunden. Die Kurzgeschichte dient als perfektes Bindeglied zwischen den Questreihen in den Spitzen von Arak und der übergreifenden Handlung der Erweiterung.
Fazit
Ohne Übertreibung kann man also sagen, dass diese Kurzgeschichte eine Pflichtlektüre für Fans aller Art in der Welt von WarCraft ist. Sie verwandelt ein vermeintliches „Monster-Volk“ in eine tragische Zivilisation voller politischer Intrigen und religiösem Fanatismus. Wer die Spitzen von Arak im Spiel geliebt hat, wird durch diese Geschichte eine völlig neue Perspektive auf die flügellosen Kreaturen gewinnen, die im Dreck nach verlorenen Relikten graben und im krassen Kontrast zu soviel Glanz und Glorie fähig sind. Unbedingt lesen!
Apokryphen

- Autor: Matt Burns
- Artwork: Alex Forley
- Erscheinungsjahr: April 2015
*Übersetzung: Chris „Eredalis“ Vogler