Inhalt

In den Tiefen der Forschungsanlage EB-103, gut versteckt im Protektorat von Umoja, saß der junge Kronprinz Valerian Mengsk gedankenversunken vor den Anzeigetafeln in seiner Observationskanzel. Unterhalb seiner Position befand sich ein größerer Raum, in welchen Sarah Kerrigan, seitlich auf dem Boden liegend und in eine Decke eingewickelt, zu schlafen schien.
Doch Kerrigan schlief nicht. Sie war erst wenige Wochen zuvor dem Schwarmkollektiv der Zerg entrissen worden und konnte schließlich, unter unvorstellbar hohen Verlusten auf allen Seiten, aus dem höllischen Inferno von Char gerettet werden. Kerrigan lag einfach nur da und starrte mit geweiteten Augen in die Dunkelheit am Rand des Raums.
Während Valerian angespannt darüber nachgrübelte, wie sich seit über zwei Wochen die Untersuchungen an Kerrigan überwiegend ergebnislos hingezogen hatten, erinnerte sich Kerrigan an Fragmente aus ihrer schmerz- und leiderfüllten Vergangenheit zurück. Sie haderte mit ihrer ganzen Existenz, als die Momente zurückkehrten, die sie als kleines Mädchen zeigten.

Momente des kindlichen Glücks, unbeschwert auf einer Farm lebend im wohlbehüteten Schutz der beiden Eltern, die keine Ahnung davon hatten, über welch außergewöhnlich starke Kräfte ihre Sarah verfügte. Eine für Kerrigan besonders schmerzhafte Erinnerung zeigt, wie den Eltern durch einen emotionalen Ausbruch ihrer Tochter das Gehirn förmlich gegrillt wurde und dabei die Mutter von Sarah ums Leben kam.

Dieser schicksalhafte Augenblick bedeutete zugleich das schlagartige Ende ihrer Kindheit. Die Konföderation nahm sich dem kleinen rothaarigen Mädchen mit den grünen Augen an. Für Sarah begann eine jahrelange Tortur unter den härtesten Bedingungen, die im Ergebnis eine eiskalte und tödliche Killerin aus ihr machten. Im Nahkampf mit oder ohne Waffe, als Scharfschützin mit äußerster Präzision oder eben durch ihre psionischen Kräfte, die mit einem seltenen Psi-Index von 10 außergewöhnlich hoch waren.
Nach der knallharten Ausbildung zum Ghost avancierte sie somit zu einem der schlimmsten Todesengel der Konföderation, der dato vorherrschenden terranischen Regierung. Ihre Ziele hatten stets keine Chance ihren tödlichen Schicksal zu entkommen. Im Dienste der Konföderation liquidierte Kerrigan etliche politische Gegner, darunter auch Angus Mengsk, den Vater von Arcturus Mengsk. Dieser Mordauftrag geschah nachts, es war ein Anschlag, der keine Spuren hinterließ. Nur der Kopf von Angus wurde symbolisch zurückgelassen.
Es war vielleicht Schicksal, dass Arcturus Mengsk einige Jahre später Kerrigan aus einer Forschungseinrichtung auf Vyctor 5 befreite. Sie schloss sich der Rebellenbewegung von Mengsk an, traf dort später auf Jim Raynor, mit dem sie das erste Mal eine tiefe romantische Beziehung erlebte. Und doch zerbrach all dies wie Glas, als sie durch das Begleichen einer alten Rechnung den Zerg in die Hände fiel.

Vom Overmind der Zerg in eine gänzlich neue, vorher noch nie dagewesene, Kreatur verwandelt, zog die fortan selbst ernannte Königin der Klingen eine galaktische Spur der Verwüstung durch den Sektor, und sogar darüber hinaus. Das Bewusstsein über ihre Taten kehrte nach der Trennung vom Zerg-Schwarm langsam zurück – und das entlud sich in geballten Emotionen wie Wut, Trauer und Verzweiflung.
Kerrigan realisierte immer mehr, dass sie all die Jahre nur ein Werkzeug gewesen war. Sie konnte niemals wirklich ihren eigenen Weg gehen, sondern war immer Opfer der Ereignisse um sie herum. Trotzig bot sie den eigenen negativen Gedanken, dass sie „nur ein Monster sei“ die Stirn. Sie beschloss, dass es höchste Zeit war, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahm.
Rezension

Wer ist Sarah Kerrigan? Das Creative Development of Blizzard Entertainment kündigte unter dieser einfachen Frage ihre Absicht an, die Geschichte von Sarah Kerrigan zu erzählen. Schon lange hatten sich die Autoren und Entwickler geoutet, dass sie alle Riesenfans von Kerrigan sind und gerade ihre Geschichte eine zentrale Rolle im Starcraft-Universum spielt, gespielt hat und spielen wird.
Deswegen wurde im Vorfeld zur Veröffentlichung von Heart of the Swarm, dem ersten Erweiterungsset von Starcraft 2, dieser kleine unscheinbare Webcomic auf der Webseite von Blizzard Entertainment veröffentlicht. Schlug bereits der Roman Flashpoint eine Brücke zwischen Wings of Liberty und Heart of the Swarm, errichtet hingegen der Webcomic Hoffnung und Rache eine Direktverbindung zwischen Flashpoint und Heart of the Swarm. Sozusagen ein kleines Stück Nachgeschichte zur Vorgeschichte.
Das mag wirklich verwirrend wirken und leider ist es das auch, denn die Zergkampagne Heart of the Swarm macht sich bedauerlicherweise nicht ein einziges Mal die Mühe auf den mitreißenden Roman Flashpoint, oder eben diesen kleinen Webcomic, hinzuweisen. Natürlich ist das auch nicht wirklich erforderlich, weil man sich entschied diese Hintergrundinfos auf sekundärer Ebene zu belassen und den findigen Fans die Möglichkeiten in die Hände zu geben die Puzzleteile selber zusammenzusetzen. Aber gerade diese beiden Werke, also der Roman und der Comic, sind eng miteinander verknüpft.
Somit ist es wohl zweifellos Segen und Fluch zugleich: Denn bei der Arbeit, die sich gemacht wurde, um die ganzen Lücken im Gesamtbild zu füllen, war die Wahl es auf unterschiedlichen Plattformen (Buch, Comic, Spiel) zu platzieren, sicher gut gemeint, aber eher unglücklich. Denn gerade im Hinblick auf die Romane Der Aufstand wird vieles von der Vita von Kerrigan zur absoluten Pflichtlektüre. Oder eben auch das bereits erwähnte Buch Flashpoint, das quasi Wings of Liberty fortführt bis zu dem Punkt, an dem der hier rezensierte Webcomic Hoffnung und Rache beginnt.
Was von den Autoren als zusätzlicher optionaler Content gedacht war, mutiert bei den beiden genannten Romanen zum völligen Gegenteil. Man muss diese Bücher gelesen haben, sonst wird man einiges von den Geschehnissen, welche die Kampagnen aus Starcraft und Starcraft 2 erzählen, nicht gänzlich verstehen.

Und auch der Webcomic ist davon betroffen, denn eine Verbindung zwischen Wings of Liberty und dem Webcomic existiert nicht. Nicht mal ein kurzer Text wurde zu Beginn des Comics hinzugefügt. Warum Kerrigan in einem Labor ist und Valerian sie über Monitore beobachtet. Zum Glück fällt der Webcomic Hoffnung und Rache aus diesem ganzen Raster der Kategorie „Pflichtlektüre“ heraus, denn hier funktioniert es: die geschilderten Ereignisse sind rein optional.
Allerdings haben die Schöpfer des Comics, im Einzelnen sind das der Autor Cameron Dayton selbst, Altmeister Chris Metzen und dessen damaliger Sidekick, Brian T. Kindregan, gleich mehrere dicke Patzer verursacht, die so auffällig sind, dass sie beinahe wie gut platzierte Easter Eggs wirken.
*Auf einer Abbildung, bei der Arcturus Mengsk zu Zeiten der Söhne von Korhal am Krankenbett von Sarah Kerrigan steht, hat er die typische Uniform an, die er später als Imperator der Terranischen Liga tragen wird. Selbst der goldene Kragen ist zu sehen. Aber die Terranische Liga gab es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Ein Zufall oder ein Fehler? Streitbares Thema.
*Der nächste Punkt hingegen lässt ernste Zweifel zu: Raynor und Kerrigan werden zu Zeiten der Terranerkampagne von Starcraft im gemeinsamen Feuergefecht abgebildet und Raynor hat seine langen Haare, die er 4 Jahre später in Wings of Liberty hat. Nur: Raynor hatte zu dem Zeitpunkt eine Glatze, lustigerweise taucht dieser Fehler auch im Buch Flashpoint auf. Hier haben alle Verantwortlichen bei Blizzard gehörig geschlafen.
*Auf einer weiteren Abbildung, die Kerrigan zeigt, die von den Zerg gefangen genommen wurde auf Neu Gettysberg, ploppt eine gewaltige Unstimmigkeit auf: Die Zerglinge sind so groß wie Kühe oder Pferde. Und das steht im krassen Gegensatz zu allen Publikationen, die vor Starcraft 2 erschienen sind, denn die Zerglinge wurden immer als hundeartige Kreaturen beschrieben, etwas größer oder kleiner als Hunde. Selbst in den digitalen Darstellungen, also in Starcraft und Starcraft 2, ist eindeutig zu sehen, wie das Größenverhältnis angelegt ist. Die fragwürdige Darstellung der Zerglinge in dem Comic allerdings erzeugt einfach nur glattes Unverständnis.
Ärgerlicherweise endet der Webcomic auch völlig abrupt. Vermutlich sollte hier der Wunsch erzeugt werden, nun als Nächstes die Kampagne von Heart of the Swarm zu spielen, so wie es einst im Manga Frontline, Volume 4 der Fall gewesen ist. Aber es wäre wesentlich besser gewesen das Ende deutlich zu markieren. Stattdessen sagt Kerrigan noch einen Monolog und schon ist Schluss. Nicht ein Hinweis gibt Auskunft darüber, dass der Comic nun zu Ende ist. Das wirkt abgehackt und dadurch seltsam.
Fazit
Obwohl das Creative Development meist akribisch darauf achtet, dass keine Unstimmigkeiten in all ihren Werken entstehen, hier sind eindeutig Fehler bei der Darstellung passiert. Das ist sehr schade, denn der Webcomic Hoffnung und Rache schickt sich an die Zergkampagne von Starcraft 2 namens Heart of the Swarm einzuleiten, quasi als Appetizer. Und ganz nebenbei beschert er offenbar auch den Schlüsselmoment, bei dem Kerrigan eine wichtige Entscheidung für sich selbst trifft. Dieser Augenblick wird durch die zu Tage geförderten Unstimmigkeiten zwar getrübt, aber dennoch sollte der Comic nicht ausgelassen werden. Er liefert wertvolle Einblicke in Kerrigans Gedankenwelt, die so intensiv noch niemals zuvor transportiert worden sind.
Kerrigan – Hoffnung und Rache

- Kategorie: Webcomic
- Autor: Cameron Dayton
- Artist: Zoddd
- Erscheinungsjahr: 2013