
Inhalt
Der Comic Jahr der Ernte entfaltet ein düsteres Szenario in der von Armut, Seuchen und Monstern geplagten Welt von Sanktuario. Schauplatz der einleitenden Handlung ist die Halle des Magistrats Waldhar, vor dem verzweifelte Bittsteller der einfachen Bevölkerung Gehör suchen. Die Bürger, allen voran der Bauer Edgar, klagen über den totalen Verlust ihrer Ernte durch die sogenannte Fäulnis, existenzbedrohende Spinnenplagen, welche ganze Viehherden verschlingen, sowie den tragischen Verlust ihrer Kinder.

Anstatt jedoch Hilfe oder eine Aussetzung der drückenden Abgaben zu gewähren, reagiert der Magistrat mit unnachgiebiger Härte und Gleichgültigkeit. Er verweist die hungernden Bauern darauf, ihr eigenes Feld zu bestellen, ungeachtet dessen, wie unbarmherzig und hart die Erde geworden ist. Edgar ist außer sich vor Wut und wird handgreiflich.

Der Wut der ländlichen Bevölkerung beantworten die Adligen mit offener Tyrannei. Die Wachen des Herrschers greifen brutal durch, knüppeln die protestierenden Untertanen nieder und nehmen Gefangene. In den darauffolgenden Szenen offenbart sich die grausame Realität jenseits der Zivilisation: Edgar wird zusammen mit einem anderen gefesselten Gefangenen schutzlos im Wald zurückgelassen und schließlich von riesigen, schattenhaften Spinnen attackiert.
Trotz der allgegenwärtigen Ausweglosigkeit verbleibt am Ende ein düsterer Funke des Widerstands. Dem sicheren Tod ins Auge blickend, werden dem Protagonisten Edgar plötzlich die Fesseln durchgeschnitten. Ein mysteriöser Fremder ist aufgetaucht, der eine eindrucksvolle Rüstung sowie ein seltsames Mal auf der Stirn trägt. Der Fremde scheint ein Anhänger eines Mannes namens Albrecht zu sein und beginnt die Spinnen zu bekämpfen. Edgar ergreift den Dolch, welchen der Fremde geschickt geworfen hatte, um die Fesseln einer Hand zu durchtrennen. Edgar zögert nicht und setzt sich gegen die angreifenden Spinnen zur Wehr.
Der Fremde durchtrennt schließlich auch die anderen Fesseln und schenkt Edgar den Dolch mit einem vielsagenden Blick. Edgar sucht daraufhin das Haus des Magistrats auf und verübt Rache für die Ungerechtigkeit des Adels – getrieben von der bitteren Erkenntnis, dass Würde in dieser Welt nicht gewährt, sondern erkämpft werden muss.
Rezension
Aus erzählerischer Sicht fungiert Jahr der Ernte als atmosphärisches, wenn auch narratives Präludium, das primär die soziokulturelle Trostlosigkeit Sanktuarios verdichtet. Die visuelle Umsetzung durch den Zeichner Corey Peterschmidt und die Koloristin Jordie Bellaire fängt den typisch morbiden Grundton des Franchise gekonnt ein. Düstere, erdige Farbpaletten dominieren die Panels, während das kontrastreiche Licht- und Schattenspiel die allgegenwärtige Bedrohung durch die Flora und Fauna physisch greifbar macht.
Besonders die Sequenzen im Wald erzeugen durch eine geschickte Panel-Anordnung eine beklemmende Enge. Ryan Quinns Dialoge verzichten auf unnötigen Ballast und konzentrieren sich stattdessen auf die existenzielle Verzweiflung und das soziopolitische Gefälle zwischen der herrschenden Elite und der gepeinigten Unterschicht.
Der entscheidende Mehrwert dieses Comics erschließt sich jedoch erst durch seinen lore-technischen Kontext: Das Werk wurde von Blizzard Entertainment als narrative Dreingabe für die Veröffentlichung der großen Story-Inhalte rund um Albrecht in Diablo Immortal konzipiert. Es dient explizit als Vorgeschichte für die Questreihe Prinz der Freiheit, welche die Sharvalwildnis als neue Spielzone etablierte.

Bei der Figur des Albrecht handelt es sich tatsächlich um jenen Prinz Albrecht von Khanduras, den jüngsten Sohn von König Leoric und Königin Asylla. Albrecht ist in der Seriengeschichte eine tragische Schlüsselfigur: Er war im allerersten Diablo-Teil (1996) das unschuldige Kind, das vom Erzbischof Lazarus entführt und als erster menschlicher Wirt für den Seelenstein von Diablo, dem Herrn des Schreckens, missbraucht wurde.
Nachdem Diablo unter Tristram vorübergehend bezwungen und damit auch Albrecht scheinbar getötet wurde, greift Diablo Immortal das Schicksal des jungen Prinzen auf geschickte Weise wieder auf. Seine Seele und sein Körper wurden durch die Zersplitterung des Weltsteins und den anhaltenden dämonischen Einfluss in den sogenannten ersten „Splittergeborenen“ (Shardborne) transformiert.
Der Comic schlägt hierbei die perfekte Brücke zur In-Game-Handlung: Er illustriert die Verzweiflung der Bewohner der Sharvalwildnis, die durch die Tyrannei ihrer menschlichen Herrscher wie Magistrat Waldhar empfänglich für Albrechts radikale Heilsversprechungen werden. Albrecht kehrt in dieser Epoche des Wahnsinns als vermeintlicher Retter zurück, der jedoch das Fundament von Sanktuario einzureißen droht, um eine neue, leidfreie Welt aus Fleisch zu erschaffen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jahr der Ernte als eigenständiges Werk zwar eine sehr komprimierte, fast fragmentarische Parabel über Unterdrückung und Widerstand bleibt, seine wahre Stärke jedoch in der Symbiose mit dem Spieluniversum entfaltet. Für Kenner der reichhaltigen Hintergrundgeschichte von Diablo bietet das Werk durch die tiefe Verknüpfung mit dem tragischen Erbe des Hauses Leoric einen immensen Mehrwert. Der Comic untermauert eindrucksvoll den erzählerischen Anspruch von Diablo Immortal und beweist, dass das Franchise auch abseits des digitalen Bildschirms seine düstere Faszination nicht verliert.
Jahr der Ernte

- Kategorie: Webcomic
- Autor: Ryan Quinn
- Erscheinungsjahr: 2025